Erlösung - Seite 2

Für den Zuschauer fangen hier die Fragen an: Wie steht es mit Parteinahmen und Menschlichkeit mitten im Chaos? Patricks Ohnmachtsanfälle, seine unterdrückte Homosexualität und die Briefe an seinen Bruder thematisieren diese Probleme ohne Pathos. Die in ihrer Kälte schöne nordische Landschaft und die leitmotivischen Klagelieder sind elegische Kommentare eines Films, der in Programmkinos als Rarität Endruck machen wird. (Blickpunkt Film)

Das Filmland Finnland ist eben doch nicht nur Aki Kaurismäki. Obwohl es bei Olli Saarela auch nicht viel weniger trist und melancholisch zugeht.

Erlösung

Erlösung

In "Erlösung" greift der 1965 geborene Regisseur und Drehbuchautor auf einen historischen Stoff zurück. 1918, Finnland ist gerade von Russland unabhängig geworden, bekriegen sich kommunistische Rote Truppen und die von Deutschen unterstützten Weißgardisten. In einem entlegenen Bauerndorf im Norden versucht Patrick Silmann, Dorfschullehrer, Arzt und Vikar in Personalunion, sich politisch aus allem herauszuhalten. Als man ihm allerdings einen russischen Gefangenen zur Bewachung übergibt, muß Sillman Stellung beziehen. Denn er muß feststellen, daß er für den jungen, so wehrlosen Soldaten mehr und mehr sexuelles Verlangen empfindet. Als er schließlich seiner Gier wie seiner Sehnsucht nach Zärtlichkeit nachgibt und sich mit Gewalt nimmt, wonach er verlangt, aus Reue anderntags den jungen Mann dafür freiläßt, bezahlt er diese Entscheidung mit dem Leben.

Olli Saarela schafft in seinem ambitionierten und glücklicherweise nie moralisierenden Film über die Verantwortung des einzelnen im Krieg eine düstere Stimmung der Ausweglosigkeit. Im Kampf der Ideologien haben die Gefühle des einzelnen keinen Platz. Menschenleben und das persönliche Glück, muß Sillman erfahren, haben in solchen Situationen keine Rolle zu spielen.
Ergreifend und illusorisch: Ein finnischer Priester kämpft im grausamen Bürgerkrieg um ein bißchen Anstand.

Fassungslos und angeekelt muß der Vikar mitansehen, wie seine Dörfler außer sich geraten. Wie sie ekstasisch ganze Würste in ihre Münder stopfen, Karren plündern - während im selben Moment hinter dem Haus die rechtmäßigen Besitzer exekutiert werden. Es ist Krieg, 1918 in Karelien, und wer überlebt, nimmt, was er kriegen kann. Den finnischen Bürgerkrieg, in dem die Roten Truppen gegen die von Deutschen unterstützten Weißgardisten kämpften, ist der Schauplatz dieses Films. Sein Held, wortkarg und dennoch voll Idealismus, ist jener Vikar. Und der Preis, den er für seinen Kampf um ein bißchen Menschlichkeit in der Not zahlen muß, ist hoch.

"Das moderne Finnland entstand 1917 / 18, als sich das Land in den Wirren der Oktoberrevolution von Rußland löste und seine Unabhängigkeit mit dem Frieden von Brest - Litowsk bestätigt fand. Um die Politik des neuen Staates entbrannte ein Streit zwischen den bürgerlich - konservativen Weißen und den kommunistischen "Roten", der in einen erbitterten Bürgerkrieg eskalierte. Er wurde unter Führung des General von Mannerheim (und mit tatkräftiger Unterstützung deutscher Wehrmachtskräfte) von den Weißen gewonnen; Mannerheim später zum Staatspräsident ernannt: Eine Gründerfigur, auf einer Unzahl von Denkmälern verewigt. Der Haß auf die Roten mündete dagegen in einer antikommunistischen Volksbewegung, die 1930 das Verbot der KP erreichte.
Olli Saarelas Film DIE ERLÖSUNG beschreibt einen Mann, der den Bürgerkrieg in der Einöde des östlichen Finnlands erlebt. Patrik Sillman (Kari Heiskanen) steht einer versprengten bäurischen Kommune als Pfarrer und Lehrer in Personalunion vor, seine Schulklasse umfaßt vom Greis bis zum Säugling so ziemlich jede Altersstufe. Sillman ist in der Gemeinde ein wandelnder Fremdkörper, der krampfhaft an städtischen Gepflogenheiten festhält und sich in vollem Ornat, mit dem Fahrrad über den sumpfigen Boden quält, anstatt zu Fuß zu gehen. Abends schreibt er Briefe an den Bruder, Kommandant bei den Weißen: Klagelieder über das Leben in der Diaspora, Stoßseufzer über seine Gottesfurcht nicht im geringsten zu zügelnde Begierde. Zuvor gab es Anspielungen auf die verdrängte (Homo-) Sexualität des Pfarrers. Beim zufälligen Anblick einer üppigen, nackten Frau rafft er panisch die Rockschöße seiner Kutte und sieht zu, daß er Land gewinnt. Einen kommunistischen Gefangenen, den man für einige Zeit bei ihm unterbringt, versucht Sillman linkisch zu verführen. Der Krieg ergreift allmählich auch von dem strategisch komplett wertlosen Landstrich Besitz, und damit wird alles noch schlimmer. In Finnland mag man es dem Regisseur anrechnen, daß er in die Zeit der Staatsgründung zurückgeht und im Krieg zwischen den Roten und Weißen nicht die Ideologien, sondern das sinnlose Schlachten in den Vordergrund stellt. Beide Parteien agieren ihren veritablen Blutrausch an der Zivilbevölkerung aus. Die Weißen morden allenfalls etwas gesitteter, man hat ja Manieren. Erschießungen also immer hübsch auf Kommando. Die Opfer sind aber in jedem Fall unbeteiligte und ahnungslose Bauern, die sich zum Jux eine gefundene kommunistische Uniform überstreifen - ohne zu wissen, daß das tödliche Folgen haben kann..." (EPD - Film)

1918: Der vereinsamte Pfarrer Patrick Sillman lehrt die Kinder, pflegt die Kranken und hält die Messen in einem karelischen Dorf, das vom Bürgerkrieg umtobt ist. Er will Partei ergreifen, doch sein geliebter Bruder dient bei den Weißgardisten. Der Pfarrer verliebt sich ausgerechnet in einen ihrer Gefangenen, auf den er eine Nacht lang aufpassen soll, und verhilft ihm zur Flucht. An ein aufgeschlossenes Arthouse - Publikum wendet sich Olli Saarela mit einem epischen Drama um Schuld und Sühne, das in seinem Heimatland mit Preisen überschüttet wurde. Das düstere, philosophische Historiendrama zeigt, daß es in Finnland auch andere interessante Filmemacher neben den hierzulande bekannten Kaurismäki - Brüdern gibt. (Blickpunkt Film)

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