Pianese Nunzio - Seite 2

Da muss die lokale Mafia gar nicht lange suchen, einen Skandal hat sie in der "Beziehung" des Pfarrers zu dem 13-jährigen Nunzio aus dessen Konfirmations-Klasse gefunden. Doch es erweist sich als schwierig, an den Jungen heranzukommen, sowohl von der Mafia, als auch von Seiten der Polizei, und dem Priester ist nicht leicht ein Maulkorb zu verpassen...

Antonio Capuanos Poltidrama spielt in der Altstadt von Neapel, in einem Viertel, in dem einfache Menschen leben. Laute Mütter, aufgedonnerte Huren, mürrische Gestalten und frühreife Straßenjungen prägen die vitale Atmosphäre.

Pianese Nunzio

Pianese Nunzio

Im Herzland der Camorra, der neapolitanischen Form der Mafia, schlägt sich der 13jährige Nunzio mit seiner schönen Stimme durch, in dem er auf Hochzeiten singt. Der Junge, der aus einer kaputten Familie stammt, freundet sich mit dem Priester Lorenzo an, der ihm in der Kirche Orgelunterricht erteilt. Angesichts der grassierenden Kriminalität geht der mutige Geistliche in die Offensive. "In den letzten zwei Jahren sind mehr als 80 Menschen in unserem Viertel ermordet worden", sagt er einem Journalisten. Öffentlich geißelt er das organisierte Verbrechen und ruft seine Gemeinde auf, die Kriminalität nicht länger durch Schweigen und Erdulden zu unterstützen. Gerade seine leutselige Integrität macht ihn für die Camorra besonders gefährlich. Da ein Attentat in diesem Fall nur einen Märtyrer schaffen würde, beschließen die Dunkelmänner, seine Glaubwürdigkeit zu untergraben. Dazu wollen sie Nunzio nutzen und die heimliche Neigung des Priesters zu minderjährigen Jungen. Die sogenannte ehrenwerte Gesellschaft informiert ergebene Polizisten und die Staatsanwaltschaft. Nunzio, der bei Lorenzo erstmals seit langem eine gewaltfreie, aufrichtige Anteilnahme erfährt, weigert sich jedoch auch unter Druck, gegen den Priester auszusagen. Als Lorenzo bemerkt, daß Nunzio deswegen selbst in Gefahr gerät, bricht er sein Schweigen.

In seinem zweiten langen Spielfilm, der auf dem Filmfestival in Venedig 1996 den Pasinetti-Preis für den besten Schauspieler erhielt, geht Antonio Capuano formal gewöhnliche Wege. Einerseits läßt er die Figuren wie in einer Gerichtschronik zuweilen direkt in die Kamera sprechen, andererseits unterliegt er die Szenen aus den Problemzonen seiner Heimatstadt mit einem fiebrigen Soundtrack. Diese krude Mixtur irritiert zwar zunächst, verdeutlicht jedoch gerade mit ihrer markanten Stilisierung das pulsierende Leben in der gewaltigen Metropole. Die soziale und politische Realität Neapels charakterisiert der 1945 geborene Regisseur, der auch das Drehbuch schrieb, mit großer Präzision, erkennbar an der kleinen, aber aussagekräftigen Randbeobachtungen und Gespür für Zwischentöne. Ohne in einen plakativen Anklage-Gestus zu verfallen, führt er uns ein gesellschaftliches Klima vor Augen, in dem der Verlust familiärer Bindungen, der Resignation der Armen, die Allgegenwart der Korruption, die scheinbare Ohnmacht gegenüber der Camorra zu einer schleichenden Entwertung der Werte und zur Auflösung eines funktionierenden Gemeinwesens führen. Mit dem jungen Emanuele Gargiulo und Fabrizio Bentivoglio hat Capuano die schwierigen Hauptrollen exzellent besetzt, tragen die beiden doch das zuweilen geradezu kammerspielartige Drama über weite Strecken fast alleine. Beeindruckend ist, wie sie den schauspielerischen Ballanceakt absolvieren, eine menschlich erfüllende Freundschaft darzustellen, die von einem doppelten Tabu überschattet ist: die Homosexualität des katholischen Priesters und die Minderjährigkeit des Knaben. Lediglich gegen Ende, wenn Capuano die Denunzation Nunzios bei den Staatsanwälten parallel montiert zu einer Kreuzwegprozession Lorenzos im strömenden Regen, schießt er in barockisierendem Pathos übers Ziel hinaus.

Wie Aurelio Grimaldis ebenfalls 1996 entstandener Essayfilm "Nerolio" mit drei fiktiven Episoden des berühmten homosexuellen Schriftstellers Pier Paolo Pasolini, blieb auch Capuanos Film ein regulärer Kinostart in Italien verwehrt. Stieß "Nerolio" wegen seiner schonungslosen Darstellung der menschlichen Unzulänglichkeit des Ausnahmekünstlers in einflußreichen intellektuellen Kreisen auf Ablehnung, so eckte "Pianese Nunzio" wegen der delikaten sexuellen Thematik bei der mächtigen katholischen Kirche an. Vor dem Hintergrund der belgischen Dutroux - Affäre und der dadurch ausgelösten Debatte über Kindesmißbrauch, sowie der Diskussion über Kinderpornographie im Internet verdient Capuanos packendes Drama auch hierzulande Beachtung. Dies um so mehr, als sich "Pianese Nunzio" in der Komplexität seiner Inszenierung vorschnellen Urteilen entzieht und gängigen moralischen Vorverurteilungen sensationsgieriger Massenmedien Widerstand leistet, dafür aber um so beherzter für Toleranz und Barmherzigkeit eintritt.

Der Jugendliche Pianese Nunzio freundet sich mit dem neuen Priester seines neapolitanischen Viertels an, der sich im Kampf gegen die Camorra engagiert. Die Camorra schlägt zurück und denunziert den Priester bei der Staatsanwaltschaft, eine heimliche Neigung zu minderjährigen Jungs zu haben. Gegen die Mafia kämpfender Priester wird in eine angebliche Rufmord-Kampagne bezüglich seiner mißbrauchenden Beziehung zu einem 13jährigen gezogen, um ihm die Unterstützung der Bevölkerung zu entziehen. Der junge Priester Lorenzo Borelli riskiert im von Arbeitslosigkeit regierten Bezirk Sanit von Neapel sein leben, als er beginnt, die Bevölkerung gegen die Camorra aufzuwiegeln. Da er damit Erfolge verzeichnen kann, will diese ihn zum Schweigen bringen, ohne ihn zum Märtyrer aus ihm zu machen, wenn es auch anders funktioniert. Da muß die lokale Mafia gar nicht lange suchen, einen Skandal hat sie in der "Beziehung" des Pfarrers zu dem 13jährigen Nunzio aus dessen Konfirmations - Klasse gefunden. Doch es erweist sich als schwierig, an den Jungen heranzukommen, sowohl von der Mafia, als auch von Seiten der Polizei, und dem Priester ist nicht leicht ein Maulkorb zu verpassen.

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