Marble Ass - Seite 2

Regisseur Zelímír Zílník, Jahrgang 42 und schon 1969 mit einem Preis auf der Berlinale vertreten, widmet seinen Film unter anderem den Transvestiten der Prostituiertenszene in Belgrad. Die zweiten Widmungstrager des Films sind die aud dem Krieg nach Hause kommended verwirrten jungen Soldaten, kleinkriminelle Propaganda-Opfer, die die veranderte Umgebung und sich selbst nicht mehr verstehen. 

Marble Ass

Ihr Sinn für Verantwortung lasst die beiden Freunde Sanella (Nenad Milenkovic) und Merlin (Vjeran Miladinovic) ihre Energie als Huren entfalten, vor allem mit jungen Serben: personlicher Beitrag zur Bebriedung des Balkans. Das gibt Gelegenheit im Film für einige groteske physische Auseinandersetzungen, weiterhin für Abzocken Unschuldiger durch Billiardspielen, endlose Wortwechsel, in denen die Dinge der Welt restfrei geklart werden, und die Musik der Belgrader Gruppe Love Hunters, deren Leadsanger das Stuck ''Love is Hell'' zu einem musikalischen Seelenbekenntnis uber die Situation im heutigen Belgrad macht: einer der besten Bestandteile dieses spielerischen Streifens. Spielerisch eben: war einen nach den Regeln der Zunft gedrehten Kunstfilm erwartet, kann ihn vergessen. Er ist eher Ausdruck von Leben: eine ironisch-zartliche Parteinahme für die Verlierer.  (Tagesspiegel)

Transvestiten im Krieg, das ist eine Vorstellung, die wenigstens ein Schmunzeln verursacht, entziehen diese Menschen sich doch grundlegend dem Bild von Männlichkeit und Stärke, das man selbst als überzeugter Pazifist mit dem Geschwader an der Front in Verbindung bringt. Um es gleich vorwegzunehmen, an der Front gibt es sicherlich keine Transvestiten, dafür aber zu Hause, zwischen Frauen und Kindern, und da fühlen sie sich sicher auch wohler. Merlin (Vjeran Miladinovic), die Hauptfigur aus Zelímír Zílníks Tuntendrama "Marble Ass", ist ein solcher Transvestit. Im heruntergekommenen Belgrad ist sie eine Trümmerfrau, eine Florence Nightingale im Kampf gegen die Verwüstung der Menschlichkeit, doch Merlins Trümmer und ihr Aufopferungsdrang entscheiden sich grundlegend von denen der anderen. Denn da, wo früher einmal Jugoslawien war, befindet sich jetzt ein Straßenstrich, auf dem Merlin ihren spezifischen Beitrag zum Wiederaufbau des Landes leistet. Die Apokalypse naht, und zwar mit Handtasche und wüstem Hüftschwung. Denn Merlins Trümmer sind keine Bauwerke, sondern die angeknacksten Machoallüren der heimkehrenden Kämpfer, Merlins Motivation ist kein selbstloser Altruismus, sondern die Suche nach Luxus in einer ziemlich glamourlosen Zeit. Für Geld läßt sie die gebrochenen Krieger den Kampf ein weiteres Mal aufnehmen, allerdings im Bett. Einer von ihnen ist Johnny (Nenad Rackovic), der mit Messer und Knarre zurückgekehrt ist und nun die Bombardierung ruckartig auf Merlins Körper fortsetzt. Make love, not war könnte man dazu sagen, doch selbst die ewig gestrigen Hippies müßten angesichts der katapultierenden Bewegungen, mit denen sich Johnny Erleichterung verschafft, den Begriff "Liebe" neu definieren. Zelímír Zílník thematisiert den Zusammenhang von Gewalt und Krieg einerseits und Sexualität und Prostitution andererseits. (tip)

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